
Ein paar Worte zu der heftigen Diskussion um die jüngst vollzogene Verlagerung von Kinder- und Jugendbuchrezensionen aus dem Feuilleton der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ in die „KinderZEIT“.
Seit April dieses Jahres erscheinen Besprechungen von Kinder- und Jugendliteratur in Der Zeit nicht mehr im Feuilleton, sondern auf den Kinderseiten („KinderZEIT“) der Wochenzeitschrift. Dieses kleine »Bäumchen wechsle dich « führte zu heftiger Kritik von Verlags- und Autorenseite, die in dem Vorwurf gipfelte, DIE ZEIT spreche mit dieser Maßnahme Kinder- und Jugendbüchern ab, Literatur zu sein und degradiere sie in die Niederungen der Didaktik.
Ich habe diese Diskussion zunächst gar nicht recht verfolgt, weil die Empörung über diese Änderung nicht auf mich überschwappen wollte. Aber nun möchte ich doch ein paar Sätze dazu verlieren. Der anhaltende, fast geschlossene Widerstand der Verlage und vieler von mir sehr geschätzter Autoren verwundert mich nämlich.
Kinderbücher sind für Kinder gemacht. Wenn also eine Zeitung wie „Die Zeit“ ihre eigenen Kinderseiten hat und diese ernst nimmt, liegt doch nichts näher, als Kinderbücher, welche von der Redaktion heraus gestellt werden sollen, in eben diesem Teil ihrer Zeitung zu besprechen. Auch wenn dies zuvor Jahrzehnte lang im altehrwürdigen Feuilleton geschah.
Der Einwand, damit würde die Zeitschrift Kinderliteratur »hintan setzen«, wie von vielen Kinderbuchverlagen in einem offenen Brief an die „ZEIT“ formuliert, ist für mich nicht nachvollziehbar. Kann ein wertvolles Kinderbuch nur im Feuilleton angemessen gewürdigt werden?
Natürlich erwarte ich auch auf einer Kinderseite eigensinnige Gedanken und Beobachtungen, Bilderbuchbesprechungen, die so saftig und lustvoll sind, dass sie Große und Kleine gleichermaßen neugierig auf das besprochene Buch machen. Dass dies leicht ist, will ich nicht behaupten. Aber an dem Vorhaben, eine Bilderbuchkritik zu schreiben, die ebenso durchgeistigt und gewichtig daher kommt, wie die David Foster Wallace Besprechung auf der Nachbarseite, ist auch schon mancher Kinderbuchrezensent kläglich gescheitert.
Auch die Frage, wo die eigentliche Zielgruppe des Buches, die ja neben den kaufenden Eltern, in erster Linie aus Kindern besteht, eine Kinderbuchrezension überhaupt wahrnehmen wird, scheint für viele Kinderbuch-Profis nicht von Belang zu sein. Ohnehin geht es in der wortreich geführten Diskussion wenig um Kinder. Und wenn sie doch in kurzen Nebensätzen auftauchen, kommen sie nicht wirklich gut dabei weg. Dabei erlebe ich Kinder auf meinen Lesungen immer wieder als Eigenwillige, sehr engagierte Kämpfer für ihre eigenen Leseinteressen und zwar durch alle Gesellschaftsschichten hinweg. Ich traue ihnen durchaus zu, nach der Lektüre einer spannenden Buchbesprechung Oma, Papa, Mama an die Hand zu nehmen und in den nächsten Buchladen zu zerren.
Auch die von Verlags- und Autorenseite geäußerte Befürchtung, dass Kinderbuchrezensionen in der Kinderzeit von kaum einem Erwachsenen mehr gelesen werden, triftt bestimmt nicht zu. Gerade Eltern (und ich als Mutter schließe mich da ausdrücklich mit ein) haben doch ein natürliches Interesse an Kinderseiten, bzw. an dem, was ihre Kinder dort lesen. Keines der von mir befragten Elternpaare, konnte die Aufregung um diesen Wechsel verstehen, kaum jemand hatte die veränderte Platzierung der Kinderliteratur-Besprechungen überhaupt bemerkt.
Ich vermisse in Anbetracht dieser emotional geführten Diskussion das Selbstbewusstsein und den Stolz auf das eigene Schaffen der Kinderbuchszene. Trotz aller rosa Conny-Ponny-Plüschwelten ist unsere Kinderbuchlandschaft reich an wunderbaren Autoren und Illustratoren. Jedes Jahr entsteht eine Vielzahl an unbedingt lesenswerten Büchern und keins dieser Bücher wird erst wertvoll und literarisch durch die hohen Weihen des Zeitliteraturfeuilletons.
Und bei aller Schelte auf die Zeit sollten sich die Verlage fragen, ob der große Spitzentitelbohei nicht in eine ähnliche Richtung geht? Wie viel Platz und Aufmerksamkeit bekommt denn das kleine, feine literarische Büchlein in der Verlagsvorschau, verglichen mit dem neuen Oberknaller- Spitzentitel?
Ganz klar, jedes gute Buch braucht engagierte und fundierte Besprechungen und eine gigantisch, interessierte Öffentlichkeit. Aber all das soll der Kinderliteratur ja auch nicht genommen werden … es wird einfach nur anders. Besonders nachdem so fabelhafte Kinderzeitschriften wie der Bunte Hund aus der Medienlandschaft verschwunden sind, freue ich mich über neue Kinderangebote, wie die von Zeit und Spiegel. (Die Zeit-Redakteure könnten sich allerdings in einer ruhigen Minute ruhig ein paar BUNTE HUND-Ausgaben zu Gemüte führen.)
Ich bin stolz und glücklich, wenn ich Besprechungen zu meinen Büchern, statt neben denen von Martin Walser oder Günther Grass, neben Rezensionen von Andreas Steinhöfel, Shaun Tan, Wieland Freund oder Jutta Richter finde. Und !! neben dem Steckbrief von Marvin (9 Jahre) aus Salzgitter.









